Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift "Partner und Hund", Ausgabe 10/2000, und wird mit freundlicher Genemigung des Verlages hier wiedergegeben.
Seit Menschengedenken lebt in der östlichen Zentraltürkei eine uralte Regionalrasse. Und wie das häufig so ist bei uralten Regionalrassen, so hat auch dieser Hund mehrere Namen: Samsun, "der Löwenhund", heißt er in Legenden und Sagen. Karabas, "Schwarzkopf", nennt man ihn - im Unterschied zum reinweißen, hochbeinigen Akbas, dem "Weißkopf" aus der Westtürkei. Oder aber Sivas Kangal, wenn er, der schwarzköpfige Löwenhund, aus den Linien stammt, die die altadelige Großgrundbesitzer-Familie Kangal aus Sivas dort seit 1000 Jahren hält und züchtet. Die Familie Kangal züchtete diese Hunde immer schon: nach Altväter-Sitte, mit Sorgfalt und mit Blick auf das Wesen und auf die Arbeitsleistung. Und arbeiten mussten diese Hunde von Anfang an: Die Zentraltürkei mit ihren heißen Sommern und den eiskalten Wintern war nie ein Garten Eden. Ertragreicher Ackerbau war dort nicht möglich, Weidewirtschaft war die Lebensgrundlage der Menschen. Die Zentraltürkei war aber gleichzeitig immer auch Durchzugsgebiet für mehr oder weniger friedfertige Völkerscharen. Und deshalb brauchten die Menschen, die hier überleben wollten, Hunde, die beides konnten: ohne Hilfe und ganz selbstständig die Herden draußen beschützen und gleichzeitig das Hab und Gut der Menschen zuverlässig gegen Fremde bewachen. Als Karabas, "Schwarzkopf", leben diese Hunde in den Dörfern heute noch so wie vor 1000 Jahren: Sie sind selbstbewusste Haus-, Hof- und Herdenwächter, die kein Zaun einengt, die sich frei bewegen und frei vermehren. Als Sivas Kangal aber machten sie Karriere. Erst bei den Reichen im Lande, dann auch bei Polizei und Militär. Und mit der Zeit wurden sie so zum türkischen "Nationalhund", zu einem wertvollen nationalen Kulturgut, das man sorgsam hegt und pflegt, das man aber nur sehr ungern Fremden überlässt, egal ob es sich um "rasselose" Karabas oder um reingezüchtete Kangals handelt. Und fast sieht es heute so aus, als hätte man in der Türkei Recht gehabt mit diesem Misstrauen Fremden gegenüber: Kaum waren die ersten "Türken" im Ausland, kaum hatten sich in den USA und in England die ersten Rassezuchtverbände für diese Hunde gegründet, da wurde der Ruf laut nach einem offiziellen, schriftlichen Standard. Da es aber in der Türkei wohl reinrassige Hunde, jedoch keinen Hundezüchterverein gibt, übernahm der Internationale Kynologenverband, die F.C.I. das Patronat über alle türkischen Hirtenhunde und verabschiedete - gegen alle Proteste - einen Standard, der für alle türkischen Rassen gleichzeitig gelten soll. Seit 1989 gibt es also international und offiziell keinen reinweißen Akbas, keinen sandfarbenen Kangal, keinen silbermelierten Karshund mehr. Es gibt offiziell nur noch einen einzigen "Mischling" aus allen drei Hirtenhundrassen. Und dieser Mischling heißt "Der Anatolische Schäferhund". Mit solchem, am grünen Tisch verfassten Unsinn muss und kann ein traditionsbewusster Kangal-Halter leben. Er weiß es ja besser. Mit einem anderen, ganz modernen Unsinn zu leben, das ist schon viel, viel schwieriger: Seit jenem unseligen 28. Juni, als in Hamburg ein türkisches Kind vom Pitbull eines türkischen Halters totgebissen wurde, gilt der Kangal (den es laut F.C.I. offiziell ja gar nicht gibt) bei uns zu Lande als "Kampfhund der ersten oder der zweiten Kategorie". Das heißt: Er darf hier (je nachdem, wo sein Besitzer wohnt) entweder überhaupt nicht mehr gezüchtet werden oder aber: Er darf nur noch mit polizeilicher Erlaubnis, mit Maulkorb und an der kurzen Leine die Straße betreten. Auch dieser Unsinn ist am grünen Tisch verfasst worden, ohne jede eigene Erfahrung, ohne jedes Fachwissen. Denn: Kangals sind - wie alle großen Lagerhunde - keine Kampfhunde. Zum einen sind sie viel zu selbstbewusst, um absolut gehorsam zu sein. Und absolut gehorsam muss ein "guter Kampfhund" sein - sonst könnte ihn sein Halter nicht ohne eigenes Risiko aus der "Pit", der Hundekampfarena, wieder herausholen. Zum anderen sind Kangals - wie alle großen Lagerhunde - viel zu instinktsicher, um sich ohne Provokation und ohne jede Beißhemmung auf Artgenossen hetzen zu lassen. "Gute Kampfhunde" sind von ihren Anlagen her so aggressiv, dass man Mutter und Welpen, die Welpen untereinander und sogar kopulierende Paare vor ihrer gegenseitigen Aggression schützen muss: Sie kann man deshalb nur in Einzelzwinger-Haltung aufziehen. Kangal-Welpen (und alle anderen Hundewelpen auch) muss aber niemand vor der Mutter, dem Vater, den Geschwistern schützen. Im Gegenteil: Sie sollten - ohne Zwingeraufzucht - frei und neugierig in die bunte Mensch-Hund-Gesellschaft hineinwachsen und lernen, sich dort einzupassen. In den Dörfern der Zentraltürkei leben die Kangal/Karabas ohne Zwinger, ohne Zäune. Aber jeder Hund hat sein eigenes Revier, und jeder im Ort kennt die unsichtbaren Grenzen. In die Quere kommt sich niemand. Und kreuzt ein Artgenosse dieses Revier, dann bittet er erst einmal um Erlaubnis und wartet die Zustimmung ab, ehe er weiterzieht. Fremde Menschen werden aufmerksam beobachtet und an die zweibeinigen Rudelchefs weitergeleitet. Fremde Hunde werden wie fremde Beutegreifer, wie Wölfe behandelt und von allen gemeinsam vertrieben. Jeden Morgen brechen Gruppen von 3 bis 5 Hunden mit den Schafen zu den Weideplätzen auf. Und nur wenn die Weideplätze zu weit weg liegen, begleitet sie ein Hirte. Meist aber bleiben die Hunde mit den Schafen ganz allein draußen und passen auf, dass sich kein zwei- oder vierbeiniger Viehdieb ihrer Herde nähert. Und am späten Nachmittag bringen sie die Herde wohlbehalten und sicher wieder ins Dorf zurück. Kangals sind Hirtenhunde mit Treiber-Qualitäten. Im Unterschied zu den meisten anderen Hirtenhunden, die einfach nur "mitwandern" und sich "mitverlaufen", wenn sich die Herde verläuft, sagen die Kangals der Herde, wo es langgeht, und bringen sie jeden Abend eigenständig wieder zurück. Und wenn sie dann heimkehren, dann werden sie von den Hunden, die im Dorf geblieben sind, freudig begrüßt... Nein, Kangals sind keine Kampfhunde. Sie "kämpfen" noch nicht einmal gegen Wölfe. Sie zeigen sich, sie bauen sich auf, sie drohen. Und wenn das nicht reicht, stürzen sie los, rempeln den Gegner von hinten zu Boden und zwingen ihn zur Aufgabe. Kangals sind keine Beißer, sie sind Ringer. Sie sind auch keine Angreifer, sie sind Verteidiger - wie alle großen Hirtenhunde. Kangals sind wehrhafte, selbstbewusste Hunde. Ja. Aber sie sind anpassungsbereit, umgänglich, lernfähig, und sie haben eine hohe soziale Intelligenz. Ein Kangal braucht kein türkisches Dorf, keine Schafherde, keine "Wolfskämpfe". Alles was er braucht ist: Platz, Bewegungsfreiheit und eine konsequente, aber liebevolle Erziehung von Welpenbeinen an. Er braucht die Anerkennung als zuverlässiger "Helfer" im Rudel, und er braucht eine ganz feste Beziehung, eine ganz feste Bindung an seine Menschen. Nein, ein Kangal ist kein Kampfhund. Aber er ist auch kein Hund für jedermann und überall. Ein Kangal ist ein Hund mit Charakter. Und er passt nur zu Menschen, die diesen Kangal-Charakter achten - und selber Charakter haben.
Gudrun Beckmann